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GRAF BRÜHL Online-Magazin

Kluge Konzepte machen histo­ri­sche Bauten zu attrak­tiven Immobilien

Eine Sonnen­blume hängt am Bauzaun, Grab­lichter wurden entzündet und eine Todes­an­zeige formu­liert. Mit Unter­schrif­ten­samm­lungen und Protest­wa­chen schlagen Münchner Bürger derzeit Alarm. Sie stehen vor einer Baustelle im Stadt­teil Giesing, auf dem bis vor kurzem noch das soge­nannte Uhrmach­er­häusel stand. Von dem denk­mal­ge­schützen Bau ist aller­dings nur noch ein Haufen Schutt übrig. In einer Nacht- und Nebel­ak­tion wurde das Haus aus dem 19. Jahr­hun­dert einge­rissen. In neun Minuten hatten die Bagger der Baufirma, die der neuen Eigen­tümer mit der Sanie­rung beauf­tragt hatte, dem Gebäude den Garaus gemacht.

Nun ist es mit Denk­mal­schutz so eine Sache. Wer in ein histo­ri­sches Haus inves­tieren möchte, ist häufig mit hohen Auflagen konfron­tiert. Was von außen oft schmuck und ansehn­lich ausschaut, ist von innen mögli­cher­weis nur noch eine Ruine, und muss über­dies denk­mal­ge­recht wieder­her­ge­stellt werden. Meist handelt es sich dabei um massiv risi­ko­be­haf­tete Immo­bi­lien, Bauten, von denen beim Kauf nicht absehbar ist, wie aufwändig die Kosten für den Umbau sind.

Der Bauherr, dem zur Last gelegt wird, er habe das Giesinger Hand­wer­ker­haus mutwillig einreissen lassen, wird zusätz­lich mit hohen Bußgel­dern rechnen müssen. Bayerns Kultus­mi­nister Ludwig Spaenle fordert empfind­liche Geld­strafen. Ober­bür­ger­meister Dieter Reiter kündigt an, die Behörden werden „mit aller Härte gegen die Verant­wort­li­chen vorgehen.“ Das Denk­mal­schutz­ge­setz sieht ein Bußgeld von 250 000 Euro vor. Nach der Baye­ri­schen Bauord­nung könnten bis zu 200 000 Euro verlangt werden. Derzeit zeichnet sich jedoch die Tendenz ab, die Baufirma müsse das Haus wieder origi­nal­ge­treu aufrichten.

Histo­ri­sche Gebäude oftmals inter­es­sante Investitionsvorhaben

Dabei sind histo­ri­sche Gebäude oft beson­ders inter­es­sante Inves­ti­ti­ons­vor­haben. Frisch reno­viert und im Rahmen inno­va­tiver Konzepte genutzt, wirken sie attraktiv und ziehen viele Besu­cher an. Verkaufs­märkte wie die Acker­halle im Berliner Bezirk Mitte, ein Lebens­mit­tel­laden mit gross­zü­gigem Angebot und mehrere Hand­werks­be­triebe, die sich in einer histo­ri­schen Markt­halle gemeinsam ange­sie­delt haben, erfreuen sich wach­sender Beliebtheit.

So ist es auch Gross­in­vestor Harald G. Huth gelungen, die ehema­lige Schult­heiss Brauerei im Berliner Bezirk Wedding nahe Turm­straße zu einem weit­läu­figen Shop­ping-Areal umzu­ge­stalten. Erst kürz­lich wurde die Richt­krone aufge­zogen. 2018 soll das Einkaufs­zen­trum fertig sein.

Seit Ende der acht­ziger Jahre wurde hier kein Bier mehr gebraut, das eindrucks­volle Back­stein­ge­bäude mit seinen Erkern, Türmen und Zimmen sowie das alte Sudhaus nicht mehr genutzt. Das Areal umfasst mehrere Häuser, zwischen denen sich ein weit­läu­figer Hinterhof ausbreitet. Es hat fast den Charakter eines länd­li­chen Dorfkerns.

Nun soll alles schick und anders werden. Die verkom­menen Räum­lich­keiten werden saniert und der Außen­be­reich in ein wohn­li­ches Ensemble vewan­delt. Verant­wort­lich für das neue Gesicht zeichnet der Schweizer Archi­tekt Max Dudler. Er gewann im Früh­jahr 2015 den Wett­be­werb zur Neuge­stal­tung der histo­ri­schen Back­stein­fas­sade. Drei alte Gebäude auf dem Areal werden saniert, der auffäl­lige sand­far­bene Stein des Altbaus gleich­zeitig als Vorlage für angren­zende Neubauten aufgegriffen.

Schwierig an diesem Bauvor­haben waren nicht nur die alten, herun­ter­ge­kom­menen Bauten. Zu Beginn machten auch hier Anwohner mit Pros­testen von sich reden. Sie fürch­teten, eine teure Einkaufs­meile könne die alther­ge­brachten Struk­turen in ihrem Kiez auflösen. Das Über­leben der kleine Händler, die sich derzeit rund um die Tums­traße ange­sie­delt hatten, könne dadurch gefährdet sein, meinten sie aufgebracht.

Histo­ri­scher Baube­stand erregt immer gerne die Gemüter. Einer­seits wirkt er attraktiv, ande­rer­seits weckt seine Nutzung Emotionen. Umso größer ist die Freude, wenn sich Alt und Neu geschickt kombi­nieren lassen und der Bau am Ende für alle Betei­ligte eine Berei­che­rung darstellt. Was in Berlin gelungen ist, könnte auch andern­orts eine Perspek­tive sein. Der Abriss eines denk­mal­ge­schützten Hauses ist jeden­falls keine adäquate Lösung.

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